Archiv
Das Ehrenamt in der Kultur (und in anderen Verbänden)
VON: HST
Sichtweisen, Erfahrungen und Ideen im Expertengespräch im Bayerischen Landtag
Der Bayerische Musikrat hat zum zweiten Mal in den Bayerischen Landtag eingeladen, um über die Zukunft des Ehrenamts in der Kultur zu sprechen. Diesmal handelte es sich um ein Expertengespräch, zu dem auch Dr. Hilmar Sturm vom Institut für Verbandsforschung und -beratung SVVSeminar für Vereins- und Verbandsforschung eingeladen war.
Ehrenamt in der Kultur: schwach ausgebildet?
Stefan Liebing (Kulturforum Deutschland) wies darauf hin, dass 8 Millionen Menschen im Kulturbereich engagiert sind – weniger Menschen als in anderen Bereichen des freiwilligen Engagements. In einzelnen Bereichen gebe es schon Auflösungserscheinungen. Er schlug eine Bearbeitung der inhaltlichen Entwicklung im Kulturbereich, der politischen Rahmenbedingungen und der Verbandsstrukturen als Paket in einigen Modellregionen vor, wo regionale Kooperationen ausprobiert werden sollten.
Mit mehr Hauptamt, Teamstruktur und öffentlicher Unterstützung das Ehrenamt stärken
Oliver Jörg, MdL, in der CSU-Landtagsfraktion zuständig für das bürgerschaftliche Engagement, sah vor allem zwei Lösungsansätze: Zum einen dürfe man nicht nur auf die klassischen Ehrenämter (Vorsitzender, Schatzmeister, Schriftführer) setzen, sondern müsse auch neue Organisationsteams bilden, die flexibler sind; zum anderen brauche es einen höheren Grad hauptamtlicher Unterstützung der Ehrenamtlichen, um diese zu entlasten. Verschiedenen Motivationen sollte durch verschiedene, vielfältige Angebote entgegengekommen werden.
Staatsregierung und CSU-Fraktion setzten derzeit auf zwei Entwicklungen: 1. die Ehrenamtscard, die im Landkreis Cham erfolgreich ausprobiert worden ist. Sie verschafft ehrenamtlich Engagierten Vergünstigungen als kleines Dankeschön. 2. den Ehrenamtsnachweis, der für das soziale Ehrenamt geschaffen worden ist (siehe www.ehrenamtsnachweis.de).
Reform braucht Dialog und Zeit, Ehrenamt braucht Anerkennung
Clemens Graf von Waldburg-Zeil, der Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), schilderte Schwierigkeiten und Erfolge bei der Reform dieser großen Sozialorganisation. Das DRK betreibt einerseits eine Fülle von Sozialbetrieben wie Altenheimen und Krankenhäusern, die auf Quasimärkten agieren und professionell geführt werden müssen; andererseits besteht das DRK aus fast 5.000 örtlichen Untergliederungen in 494 Kreisverbänden. Die ungefähr 400.000 ehrenamtlichen Mitarbeiter dort sollen in den kommenden Jahren von Verwaltungsdingen und stärker entlastet werden und sich mehr auf Entscheidungen und ideelle Arbeit, auf das »echte« Ehrenamt konzentrieren können. Graf v. Waldburg-Zeil berichtete auch über den Weg, den das DRK seit fünf bis sieben Jahren geht, und auf dem auch bis dahin ungewohnte Methoden eingesetzt wurden, begleitet von Beratern und Psychologen. Immer neue, überraschende Verfahren führten zu einer guten Alertheit. Ca. 40.000 Menschen wurden dabei aktiv beteiligt.
Er forderte eine stärkere öffentliche Anerkennung ehrenamtlicher und freiwilliger Arbeit. Zum Beispiel sollte ehrenamtliches Engagement den Zugang zu einem Hochschulstudium erleichtern (etwa indem es zum Ausgleich geringfügig schlechterer Noten dient) oder im Studium auch Punkte bringen.
Auch die Politik: näher an die Bürger, Öffnung in neue Schichten
Alexander Dobrindt, MdB, Generalsekretär der Christlich-Sozialen Union (CSU), berichtete über das Vorhaben der Partei, innerhalb des laufenden Jahres neue Mitwirkungsmöglichkeiten für Menschen über die Parteimitglieder hinaus zu schaffen und in der Satzung zu verankern. Gruppen und Menschen sollten sich mit ihren Anliegen an die Parteigliederungen wenden können und dort reale Mitsprache haben. Viele Menschen wollten sich nur begrenzt einbringen und nicht langfristig binden. Dafür brauche man Organisationsformen, die es zum Beispiel erlauben, innerhalb einer großen Organisation zwischen verschiedenen Angeboten zu springen.
In 108 Kreisverbänden wolle die CSU Veranstaltungen mit externen Teilnehmern durchführen. Allein das schaffe Verwunderung und Aufmerksamkeit.
Strategisch denken, die eigene Zukunft erfinden, neue Organisationsformen für freiwillige Mitarbeit
Dr. Hilmar Sturm vom SVVSeminar für Vereins- und Verbandsforschung verwies auf eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, das gerade für den Kulturbereich in den nächsten Jahren zurückgehende Zahlen von ehrenamtlichem und freiwilligem Engagement prognostiziert. Auf die Aktivierung (oder Reaktivierung) «rüstiger Rentner/innen» dürfe man nicht zu sehr setzen. Auch das berufliche Umfeld ist dem Ehrenamt nicht günstig. Neue Formen seien zu versuchen und zu organisieren: eher projektweise, dann aber zusammengeführt von professionellem Management (das letztlich eine hauptamtliche Unterstützung braucht). Er verwies darauf, dass die VerbändeUmfrage 2005 aus Sicht der befragten Verbände als größte Herausforderung das langfristige, strategische Denken identifiziert hat; fast 83 Prozent der Verbände sahen hier großen Verbesserungsbedarf. Jeder Verband muss aber seine eigene Strategie suchen und erarbeiten. 73 Prozent der Verbände beklagen, dass sie Schwierigkeiten haben, ehrenamtliche Mitarbeiter/innen zu finden – aber nur 14 Prozent sehen die Zufriedenheit dieser Mitarbeiter als ein Erfolgskriterium des Verbandes. Und die Freiwilligensurveys der Bundesregierung ergeben (wie auch andere Studien) eher wachsende Ehrenamtszahlen. Durch die Gründung neuer Verbände entsteht einfach auch mehr Konkurrenz. Die Kulturverbände müssen hier neue Angebote schaffen und mehr auf die Bedürfnisse und Wünsche der potenziellen freiwilligen Mitarbeiter eingehen.
Die Zukunft ist eine Chance
Barbara Haack, Autorin der neuen musikzeitung und Herausgeberin von Büchern über das Ehrenamt in der Musik, nimmt in der Diskussion über das Ehrenamt im Musikbereich "viel Gejammer und zu wenig die Chancen" wahr. Man müsse sich mehr um die Zukunft und ihre Möglichkeiten kümmern und dazu systematisch Zukunftsforschung auswerten und selbst betreiben. Auch dazu müsse man mehr Menschen einbeziehen und konkrete Handlungsmodelle entwickeln. Viele Musikorganisationen seien stehengeblieben, was ihre Ressourcen und Strukturen angeht. In einem Prozess unter dem Titel «Foresight Musik» werden die Fragen bereits empirisch angegangen.
Bürokratie hemmt Ehrenamt
Andreas Horber, Geschäftsführer des Bayerischen Musikrates, kündigte für Herbst 2010 eine Fachtagung zum Thema Bürokratie und Ehrenamt an.
Schirmherrin der Veranstaltungsreihe ist die Präsidentin des Bayerischen Landtags Barbara Stamm. Die Leitung und Moderation hatte Stefan Liebing, Vorsitzender des Kulturforums Deutschland e. V.


